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Der Fremde von Kriens

MIGMA Performance-Festival, Kulturwerkstatt Kriens 2006
Musik

Als ich heute morgen in meinem Basler Arbeitszimmer in der Eulerstrasse sass, erreichte mich die Nachricht von MIGMA, dass ich eingeladen bin, einen performativen Vortrag in Kriens zu halten. Da ich reichlich Zeit hatte, beschloss ich mit dem Bus zu reisen. Vor der Abreise informierte ich mich noch über die Bedeutung des Wortes MIGMA. Nach einigen Umwegen fand ich heraus, dass MIGMA eine Abkürzung ist: Meine intimen Geschichten mögen alle.

Diese Behauptung wirft Fragen auf. Ist es möglich, dass eine intime Geschichte von allen gemocht wird? Kann eine Geschichte intim sein, wenn sie allen bekannt ist? Sind Geschichten, die alle mögen, nicht eher gemeine Geschichten? Kann eine gemeine Geschichte intim sein?

Während ich über diesen Fragen grübelte, las ich auf der Busfahrt hier hoch nach Kriens im MIGMA-Flyer.

Das Zappeln ist irreversibel

Der Text zu meinem performativen Vortrag enthält zwei Klammern. Dazwischen stand wohl etwas, das gekürzt oder zensiert wurde. Ich suchte in meinen Unterlagen und fand den Orginal-Text in einem alten Programmheft aus dem Jahre 2005. Ich hielt damals einen performativen Vortrag über das Komponieren in Räumen. Der Text lautete:

Das Zappeln ist irreversibel Ich hatte gerade im Kino die neuste Fortsetzung von Drei Engel für Charlie gesehen. Die drei Heldinnen stürzten aus Flugzeugen, wurden beschossen und verprügelt und blieben doch stets unversehrt. Danach schlenderte ich in der Fussgängerzone an einem Zeitungskiosk vorbei. Dort war in den Schlagzeilen zu lesen:
VOM FREUND ERSCHLAGEN
Die französische Filmschauspielerin Marie Trintignant wurde kurz vor Ende der Dreharbeiten für ihren letzten Film im Streit von ihrem Freund mit dem Hinterkopf gegen eine Tischkante gestossen. Sie fiel ins Koma, aus dem sie nicht mehr erwachte. Im Film KILL BILL von Tarantino erzählt Bill kurz vor dem entscheidenden Kampf gegen seine ehemalige Geliebte, folgende Geschichte: Die Tochter hat beim Spielen einen Goldfisch aus dem Aquarium auf den Teppich fallen lassen. Sie hat beobachtet, wie der Fisch auf dem Teppich zappelt und nach Luft schnappt, bis er schliesslich aufhört zu zappeln. "Flapping on the carpet - not flapping on the carpet" das ist der wesentliche Unterschied, sagt Bill.

Das Zappeln ist irreversibel. Mich hat dieser Momemt der Begegnung mit der unerbitterlichen Realität in nächster Nähe zur filmischen Fiktion sehr berührt. In der Realität genügt ein kurzer Streit, um alles zu zerstören. Deswegen liebe ich Filme. Alles ist reversibel, auch der Tod. Der Film ist der Ort der Fiktion in der Ebene, eine planare Fiktion. Der performative Vortrag trägt die Realität mittels Sprache an einen realen Ort. Dadurch wird die Realität zur Geschichte. Je glaubwürdiger die Realität vorgetragen wird, desto wahrer wird die Geschichte. Anders gesagt: Die Realität ist das was übrigbleibt, wenn die Geschichte zum Vortrag wird.


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Die Realität ist das was übrigbleibt, wenn die Geschichte zum Vortrag wird.


Welche Geschichte hat die Kulturwerkstatt Kriens, in der dieses Jahr MIGMA stattfindet ?

Die Geschichte der Kulturwerkstatt I.Teil

Als ich heute nachmittag zum ersten Mal die Kulturwerkstatt betrat, staunte ich über die schöne Einrichtung. Ich fühlte mich wie ein neues Mitglied in einem Club. Ein Club, der nur wenigen Auserwählten offen steht. Der Besitzer der Kulturwerkstatt erzählte mir, dass dieser Schönheit eine traurige Begebenheit zugrunde liegt. Vor vielen Jahren, im März 1995 kam ein Fremder hier hoch nach Kriens und mietete diesen Raum, der früher eine Autowerkstatt war. Es fiel im auf, dass ausser dem Vergnügungsviertel im Industriegebiet kein Ort der Abwechslung und des Austausches für die Dorfbewohner zur Verfügung stand. Kein Ort, an dem Freunde und Paare sich treffen können, um private oder intime Geschichten zu erzählen. Der Fremde, der dankbar war, ins Kriens sein zu dürfen, wollte dem Dorf eine Freude bereiten. Er schlug dem Bürgermeister vor, die Autowerkstatt in einen Club umzubauen, zu dem alle Dorfbewohner Zutritt haben sollten. Der Bürgermeister zeigte sich diesem Vorschlag gegenüber sehr zurückhaltend. Er antwortete im Ton des Scherzes: Ich würde nie einem Club beitreten, der mich als Mitglied akzeptiert. Vielleicht gab es aber auch noch andere Gründe für seine Zurückhaltung. Jedenfalls antwortete er dem Fremden, dass er eine Entscheidung von solcher Tragweite nicht alleine treffen könne. Das ganze Dorf muss darüber demokratisch abstimmen. Also beschloss der Fremde, sein Anliegen der Dorfversammlung vorzutragen. In der Zwischenzeit lud er einige alte Freunde zu einer Party ein.

Musik

An welche Geschichte erinnert uns die Geschichte der Kulturwerkstatt an dieser Stelle ?



Dogville I.Teil

Eine Fremde befindet sich auf der Flucht und gelangt verzweifelt in das Dorf Dogville. Sie ist erschöpft und würde gerne bleiben. Die 13 Dorfbewohner beschliessen, demokratisch über ihr Anliegen abzustimmen. Wenn die Dorfglocke genau dreizehnmal geläutet hat, darf die Fremde bleiben. Nachdem die Glocke dreizehnmal geläutet hat, bietet sie dem Dorf ihre Hilfe an. Sich möchte sich nützlich machen und etwas von dem einbringen, was sie in ihrer Heimat gelernt hat: Kinderhüten, Kochen, Kranke pflegen. Aber unmittelbar nach dem demokratischen Entscheid des Dorfes beginnt jeder Bewohner die Fremde für eigene Bedürfnisse auszunützen. Sie wird von den Dorfbewohnern körperlich missbraucht und von deren eifersüchtigen Frauen gedemütigt und gequält. Schliesslich wird sie angekettet und kann Dogville nicht mehr verlassen.

Je mehr die Fremde versucht hat, sich in der Gemeinschaft nützlich zu machen, desto mehr hat diese Gemeinschaft Lust auf ihre intimen Geschichten bekommen. Sie wollte sich um das Dorf verdient machen und wurde verdingt. Und darin ähneln sich Fremde und Künstler: sie bleiben besser Nichtsnutz, denn sonst wird demokratisch über ihr Begehren abgestimmt.

Aber wie verlief die Geschichte der Kulturwerkstatt?

Die Geschichte der Kulturwerkstatt II.Teil

Die Dorfbewohner stimmten dem Clubprojekt zu. Doch einige Zeit danach - der Umbau stand kurz vor seiner Vollendung, betrat der Bürgermeister den Club. Der Fremde hatte gerade einige Freunde aus seiner Heimat zu einer Party eingeladen.

Musik

Der Bürgermeister sagte, dass es noch einer Bewilligigung bedürfe, seitens der Kommission aus der nahegelegenen Provinzstadt. Eine reine Formalität. Etwas später traf eine Kommission in Kriens ein und inspezierte den Club.

Musik

Nach einer Weile trat der Anführer der Kommission zum Fremden und sagte. Der Club entspricht in allen Punkten den Vorschriften, bis auf einen : Die Vorschriften besagen, dass in jedem Club eine Spiegelkugel an der Decke hängen muss. Eine Kugel, an deren Oberfläche viele kleine Spiegel angebracht sind, die das Licht brechen und eine angenehme Stimmung verbreiten. Die Spiegelkugel ist der Beweis dafür, dass es sich um einen Club handelt. Da dieser Club aber keine Spiegelkugel enthält, kann es auch gar kein Club sein und deswegen könne auch keine Genehmigung erteilt werden.

Der Fremde versuchte alles was in seinem Kräften stand, um den Entscheid der Kommission rückgängig zu machen. Er bot an, eine oder mehrere Spiegelkugeln aufzuhängen und sie mit farbigen Licht anzustrahlen, so dass der Club zu einem Sternenclub würde, mit einen Nachhimmel und farbigen Sternen. Aber die Kommission blieb bei ihrer Meinung, dass ein Club ohne Spiegelkugel kein Club sei und deswegen auch keine Bewilligung bekommen könne. Die Kommission ändert nie ihre Meinung.

Kurz Zeit später verliess der Fremde Kriens. Aber am Dorfrand dreht er sich noch einmal um und sagte: Ich komme zurück !

Musik

Die neuen Besitzer haben aus den Fehlern des Fremden gelernt. Sie haben dem Dorf vorgeschlagen, den Club in eine Kulturwerkstatt umzubauen. Und da eine Kulturwerkstatt keine Spiegelkugel hat, brauchten sie auch gar nichts umzubauen. So wurde die Kulturwerkstatt eröffnet und MIGMA kann heute hier stattfinden.

Dogville II.Teil

Die Geschichte von Dogville endet bekanntlich etwas weniger offen: Der Vater der Fremden, die als Sklavin im Dorf lebt, kommt nach Dogville, begleitet von Männern mit Waffen. Wir erfahren, dass der Vater ein mächtiger Mafiaboss ist, dass er auf seine Tochter geschossen hat und dass sie vor ihm geflohen ist. Der Vater bietet einen Tausch an: die Tochter bekommt die Macht über die Waffen, wenn sie zu ihm zurückkehrt. Die Fremde lässt alle Dorfbewohner erschiessen und Dogville geht hinter ihr in Flammen auf.


Zum Publikum

Ich weiss nicht wie es euch geht, aber der Schluss von Dogville hat mich enttäuscht. Rache ist nur eine faule Form des Zorns und ich vermute, dass der Erzähler der Geschichte den faulen Schluss gewählt hat. Er macht es sich zu leicht, wenn er davon ausgeht, dass das Dorf die Bösen sind und die Fremde die schutzbedürftige Gute. Vielleicht hat das Dorf die Geste der Fremden einfach missverstanden. Die Fremde will sich nützlich machen, will einbringen, was sie in ihrer Heimat gelernt hat. Kochen, Kinderhüten und Krankenpflege. Aber die Geschichte der Heimat taugt nicht für die Fremde. Die eigene Geschichte wird in der Fremde nicht verstanden, weil sie zu intim ist.



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die Geschichte der Heimat taugt nicht für die Fremde. Die eigene Geschichte wird in der Fremde nicht verstanden, weil sie zu intim ist.


Die Fremde wird von ihrem Vater gerettet. Sie wird gewissermassen auf unheimliche Weise von ihrer Heimat eingeholt. Damit diese Geschichte glaubwürdig enden kann, müsste sich die Fremde zuerst von der Schmach reinigen, die ihr die Rettung durch den allmächtigen Vater zugefügt hat. Dazu hätte die Fremde ihrerseits das Dorf benützen müssen, in einer Weise, die für die Bewohner noch viel schlimmer ist, als der Tod. Die Geschichte von Dogville ist nicht zu Ende gedacht, weil die schlimmst mögliche Wendung noch nicht eingetreten ist.

Aber worin ähneln sich die Geschichten von Dogville und Kriens ?

Der Fremde von Kriens wollte dem Dorf einen Ort der Begegnung schenken. Ich vermute, dass es sein intimer Wunsch war, den Ort seiner Heimat zu reinkarnieren und mit Leuten aus seiner Heimat umgegeben zu sein. Damit dieser Wunsch in Erfüllung geht, wollte er das Dorf mit einem Geschenk gnädig stimmen. Auch er wollte den Anschein erwecken, etwas Nützliches zu tun. Auch manche Künstler wollen das. Aber der Fremde ist in der Fremde zu nichts nütze. Der Fremde, der seine Heimat mitbringt, wird zum Ausländer.

Welcher Art kann die Begegnung mit der Fremde sein, mit dem Anderen ?

Versuchen wir es mit einer anderen Geschichte:

Die Geschichte von Greenshill

Die Geschichte von Greenshill. Der Weg nach Greenshill führt von der fernen Provinzstadt durch ein Tal. Er ist zu beiden Seiten von hohen Drahtzäunen begrenzt. Ein Fremder fährt eines Nachts mit dem letzten Bus aus der Provinzstadt nach Greenshill. Er ist der einzige Fahrgast und sitzt ganz hinten im Fahrzeug am Fenster. Der Fahrer hält an allen Stationen. Aber niemand wartet und der Fremde hat eine Fahrkarte bis nach Greenshill, der Endstation gelöst. Niemand wartet auf den letzten Bus nach Greenshill. Der Fremde blickt durch den Drahtzaun, der an seiner Seite vorbeizieht. Der Zaun ist so hoch, das selbst das Licht der Sterne und des Mondes nur als Pattern auf sein Gesicht gelangt. Der Zaun hat keine Durchgänge, ausser an den Haltestellen. Doch dem Fremden fällt auf, dass auch an einigen Haltestellen keine Öffnungen vorhanden sind.


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Niemand wartet auf den letzten Bus nach Greenshill.


Der Bus trifft in Greenshill ein und hält auf einer scheinbar übergrossen Wendeplatte. Der Fremde steigt aus und der Bus verlässt die Wendeplatte. Es ist schwarze Nacht, aus dem nahen Gebirge flackert Wetterleuchten. Vielleicht reicht es für ein Gewitter. Auf der Wendeplatte steht eine Kabine mit einem Glaskasten. Der Fremde hört leise, dumpfe Musik, die aus einem Nachtclub zu kommen scheint.

Musik, langsam lauter werdend, Stroboskop

Er geht zur Kabine und sucht einen Fahrplan für die Rückfahrt. Auf dem Glaskasten ist eine ausgebleichte Aufschrift: Depatures Greenshill. Aber der Kasten ist leer und das Schloss zum Aufschliessen der Glastüre ist verrostet und mit einem Kaugummi verklebt. Der Fremde überquert den Wendeplatz und geht langsam in die Richtung, aus der die Musik zu ihm dringt.

Musik, wird langsam lauter

Wir wissen nicht, ob der Fremde Greenshill jemals wieder verlassen hat. Aber wir wissen, dass am Morgen nach dieser Nacht, ein Angestellter der Buslinie in der fernen Provinzstadt mit einem neuen Fahrplan über den Marktplatz lief. Er hängte ihn in einen Glaskasten. Auf dem neuen Fahrplan fehlte eine der bisher 11 Haltestellen.

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Wir wissen nicht, ob der Fremde Greenshill jemals wieder verlassen hat.


Wir wissen nicht, ob der Fremde Greenshill jemals wieder verlassen hat. Aber wir können den Weg des Fremden mitverfolgen, anhand der kleinen Spiegelkugeln, mit denen er seine Stationen markiert hat.


Das Rätsel und das Orakel

Gibt es einen Umweg, der alle Silberkugel-Stationen beinhaltet und auf dem jede Teilstrecke nur ein einziges Mal gegangen werden muss? Ich wiederhole: Gibt es einen Umweg, der alle Silberkugel-Stationen beinhaltet und auf dem jede Teilstrecke nur ein einziges Mal gegangen werden muss ? Dieses Rätsel hat bereits vor 250 Jahren der Basler Mathematiker Leonard Euler gelöst. Er hat gezeigt, dass eine solcher Weg genau dann existiert, wenn zu jeder Station eine gerade Zahl von Wegen führt. Also: 2,4,6,8,10, etc. Ich persönlich liebe solche Rätsel und am Samstag in einer Woche werden im Kaskadenkondensator in Basel Modelle zu sehen sein, die das Paradies auf Erden darstellen könnten. Im Laufe des Abends wird auch ein Orakel vorgetragen und das Orakel ist dem Rätsel ja sehr verwandt.

Ich weiss nicht, wie es euch geht, aber mir persönlich gefällt meine Geschichte von Greenshill besser als die von Dogville, obwohl Nicole Kidmann nicht mitspielt.

Aber jetzt ist es Zeit, diesen performativen Vortrag zu beenden, damit wir nicht den letzten Bus verpassen und Kriens noch rechtzeitig verlassen können.

Musik