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Erklärung einer Organisation

Vortrag zur Eröffnung der Ausstellung Steady Rise von Haus am Gern, Kaskadenkondensator Basel, 2006

Steady Rise ist die neue Ausstellung von Haus am Gern, geleitet von Barbara Meyer Cesta und Rudolf Steiner, im Rahmen der Veranstaltungsreihe Organ+ des Kaskaden-kondensators. Als mein Büro gestern Abend die Nachricht von der bevorstehenden Eröffnung dieser Ausstellung erhielt, war sofort klar, dass wir den Fall übernehmen. Wir begannen mit einer gründlichen Analyse des Konzeptmaterials, welches uns in einem verschlossenen Umschlag zugestellt wurde. Der Umschlag enthielt ein rotes Buch mit dem Titel Methoden der Systemtheorie und eine grüne Mappe mit einem vierseitigen Konzeptpapier. Auf der Mappe ist das Emblem der YRA, der Young Responisible Artists aufgebracht.

Das Konzeptpapier

Das Konzeptpapier enthält unter anderem einen Projektbeschrieb mit folgenden Sätzen:

OFEN
Grundelement ist ein Ofen. Das Feuer wird an der Eröffnung entfacht und soll vom Vorstand und vom Publikum ununterbrochen unterhalten werden.

SUMMEN
Ein vorgegebener, gesprochener Text zur Systemtheorie soll von einer summenden Stimme begleitet werden. Dieses Summen wird an der Eröffnung aufgeführt.

TIER
Der Vorstand wird in einer Art Operation ein Tier aus marktfrischen Teilen zusammennähen. Das Tier wird in einem Behälter mit Formalin zu sehen sein.

BIER
Am 22. Januar wird im Kasko ein Bier gebraut.

Modell enthüllen

Als Art Prozess Inspector von Haus am Gern ist es meine Aufgabe, dieses Konzept zu beleuchten und seine Organisation sichtbar zu machen. Aus diesem Grund haben wir die Rauminstallation Steady Rise in groben Zügen hier im Modell nachgebaut. Man erkennt die Umrisse des Kaskadenkondensators, den Ausstellungsraum mit dem Ofen und die Dokumentationsstelle. Das Modell ist nicht massstabsgetreu.



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Bild 1

Modell der Ausstellung im Kaskadenkondensator.


Systemtheorie

Steady Rise bedeutet stetiger Anstieg, ein Begriff aus der Systemtheorie. Dazu lesen wir in der Einführung des roten Buchs folgende Sätze : Die Systemtherorie gilt heute als wichtige Methode zur Beschreibung komplexer Kausalzusammenhänge in Naturwissenschaft und Kunst. Sie ist auf stetige Systeme anwendbar. Solche Systeme liegen in den meisten Anwendungsfällen vor. Andernfalls können die wirklichen Verhältnisse wenigstens näherungsweise darauf zurückgeführt werden. Ausgangspunkt ist eine operationelle Darstellung der Ursache-Wirkung Beziehung mit Hilfe von Modellen. Auch Steady Rise ist ein kausaler Fall. In einem Ofen wird Material verbrannt, dadurch wird Luft erwärmt. Die warme Luft durchquert den Raum, strömt am Publikum vorbei, wobei sie erkaltet und verlässt schliesslich den Raum ins Freie. Unser Ausgangspunkt ist also eine Warm-Kalt Beziehung.

Das Anliegen

zum Modell und anzünden

Der Künstler oder die Künstlerin hat ein heisses, inniges Anliegen, das sich entfacht und in Flammen aufgeht. Sein Anliegen ist triebhafter Natur, der Künstler wurde als Triebbündel geboren, hat Hunger gekräht und ist immer wieder eingeschlafen. Das Triebbündel war warm und began zu krähen und zu scheissen und wurde mittels der Sprache domestiziert und sozialisiert. Das Anliegen des jungen Künstlers wurde zunächst zögernd vorgetragen und gelangte als warme Luft in die Umgebung. Der Künstler schürt sein Anliegen, erwärmt die Luft und diese streicht um die warme Anteilnahme des Publikums wie ein Tier um das heisse Gebräu. Er entfacht sein Anliegen und bittet das Publikum, sein Anliegen zu speisen. Das Triebbündel in ihm, sein inneres, scheissendes, schweinendes Triebbündel, wurde durch Sprache organisiert und in Form gebracht. Die Sprache spaltet das Innere vom Aüsseren und der innere Schweinehund wird geboren. Ein zerrissenes, tierisches Bündel, durch Formen zur Strecke gebracht und in Formalin gebettet. Aber das Formalin ist ungeniesbar und eiskalt, das Anliegen ist euphorisch und die Euphorie lebt als kollektiver Traum, als warme Luft und wird ständig gespiesen. Steady Spise. Der Künstler scheitelt sein Anliegen, wird durch die Sprache gespalten und verliert den Faden zur Nabelschnur, an der er nur für kurze Zeit als Triebbündel baumelte. Später als Haustier mit Schweinehund.

Ausschnitt
Bild 2

Der Künstler hat ein heisses, inniges Anliegen.


Das Modell und die Realität

nach vorne

Näherungsweise lässt sich das Modell auf die wirklichen Verhältnisse zurückführen. Steady Rise ist ein räumlich-inszeniertes Bild für die Person des Künstlers und der Künstlerin. Sie werden wie andere Menschen ohne Sprache geboren und als reines Triebbündel zur Welt gebracht, ohne Hemmungen und Tabus. Unmittelbar nach der Geburt wird der Mensch domestiziert und diese Entwicklung ist an die Sprache gebunden, an die Welt der Symbole und Zeichen. Die Sprache verdrängt nach und nach den Zustand der Hemmungslosigkeit. Diese Verdrängung spaltet die Person des Menschen in zwei Teile. Ein Teil lebt in der sozialisierten Welt der Gesellschaft, und der andere Teil bleibt in einer wilden Welt der Triebe und Antriebe. Diese Spaltung hinterläst eine Wunde und wird als Leiden gelebt. Speady Rise zeigt uns, das diese Wunde geheilt werden kann, entweder durch Nähen oder durch Summen. Der Künstler ist ein Mensch, dessen dringendstes Anliegen das Heilen der Wunde ist. Er braut ein Anliegen zusammen, spaltet das Holz im Ofen und lässt das Anliegen über die Wunde fliessen.

Angst

zum Modell

Aber dieses Fliessen droht immer wieder abzubrechen und der Künstler hat Angst, dass sein Anliegen erkaltet und den Raum ungenützt verlässt. Sein Gebräu fliesst als Angst die Rinne hinunter, wird vor Säue geworfen, fliest vorbei an Schweinehunden, vermischt sich mit kaltem Kaffee und verläuft sich im Sande. Der Künstler lässt sein Publikum kalt und giesst Bier in offene Wunden. Der Künstler wird gespalten, sein Organ+ wird amputiert und konserviert. Dem Publikum liegt nichts am Künstler, sein Anliegen ist erstarrt, der Ofen geht aus, das Bier ist alle, der Künstler erfriert und verliert seine Glieder. Die Glieder treiben im Formalin, gehen den Bach hinunter, werden zusammengenäht und sitzen am warmen Ofen. Dahinter ein Hund, der summt und ein Organ+ verspeist.


Modell
Bild 3

... der Künstler hat Angst, dass sein Anliegen erkaltet ..


Zusammenfassung

Feuer aus, nach vorne

Ich habe in meiner kurzen, systemtheoretischen Analyse gezeigt, dass die Arbeit Steady Rise eine operationnelle Darstellung für das komplexe Anliegen des Künstlers ist: der Künstler hat den heissen Wunsch, Kontakt aufzunehmen mit dem prelinguistischen Zustand unmittelbar nach der Geburt. Dort vermutet er die ureigene Motivation für seine Arbeit. Aber dieser Wunsch ist angstbesetzt, denn der Künstler befürchtet, dass er auf das Publikum als wärmender Wegweiser angewiesen ist, um sich dem gewünschten Zustand annähern zu dürfen. Diese Angst löscht sein Anliegen ab. Er versucht die Angst zu täuschen, indem er an fremden Wunden stichelt, sein Organ+ speist und ein Selbstgespräch summt, in seiner eigenen Sprache+.

zum Modell, Dokustelle aufdecken

Allerdings ist dieser heisse Wunsch seinerseits wieder an die Sprache gebunden, also genau an diejenige Organisation, die den Menschen von den Kräften seines Triebbündels abgespalten hat. Dieser heisse Wunsch entpuppt sich also leider als ein frommer Wunsch, als eine Illusion. Die Zeugnisse vieler solcher frommen Wünsche sind hier in der Dokumentationsstelle aufbewahrt.

Ausblick

zeigt mit dem Finger auf das Modell, deckt ganz zu

Das Thema der Illusion und der Halluzination wird übrigens auch Gegenstand meines nächsten Vortrags sein. Er findet statt am 3. Februar im Kunstverein Konstanz, anlässlich der Eröffnung der Ausstellung Lluzi von der Freiburger Künstlerin Cristina Ohlmer.



© Peter Vittali, 2006