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Was am Strand von Acapulco wirklich war ... , Gare du Nord, Basel 2007

5 Jahre Gare du Nord Bahnhof für neue Musik, Basel

Erster Konzeptversuch

Guten Abend, liebe Gäste, ich freue mich sehr, Sie im Namen der Gare du Nord begrüssen zu dürfen. Ich habe die Ehre, einige Worte anlässlich des fünfjährigen Geburtstages der Gare du Nord, dem Bahnhof für Neue Musik, sprechen zu dürfen. Ein fünfjähriger Geburtstag ist ja so etwas wie ein Kindergeburtstag, also eine Verstaltung, die von Erwachsenen für Kinder organisiert wird. Deswegen haben wir für die beiden Festtage heute und morgen ein Konzept entwickelt, in dem Alt und Jung sich begegnen. Im Mittelpunkt stehen dabei natürlich die Geburtstagskinder. Geburtstag ist aber eher symbolisch gemeint, eine Metapher. Die Wirklichkeit dreht sich um ein Fest-Menü, zu dem wir sie, verehrte Gäste im Anschluss an das Programm noch gerne in der Bar du Nord begrüssen würden. Der Eintrittspreis in das Menü beträgt 120 schweizer Franken, für die Mitglieder unseres Fördervereins, les copins du Nord, ist der Wein inbegriffen. Und dann ist da noch das Geschnetzelte ...

roter Spot blinkt, Tonsignal von Türgong

Zweiter Konzeptversuch

Veehrtes Publikum, Guten Abend. Ich begrüsse sie im Namen der Gare du Nord im Rahmen der Feierlichkeiten für das fünfjährige Bestehen der Gare du Nord, dem Bahnhof der Neuen Musik begrüssen zu dürfen. Bevor ich etwas zur einzigartigen Geschichte der Gare sagen möchte, gebe ich noch ganz kurz einen Ausblick auf das Programm. Im Anschluss an diese Einführung beginnt der Abend mit einem Auftritt des schweizerischen Alpengesangsvereins für den der junge, international bekannte vietnamesische Komponist Jolan Tschang ein neues musiktheatralisches Opern-Werk geschrieben hat.

Es handelt sich um eine Uraufführung im Namen unseres Auftraggebers, der PRO SWISSTREND &CO. An dieser Stelle 1000 Dank an SWISSTREND&CO, unserer offiziellen Amtsstelle zur Vermarktung bewährter und beliebter schweizerischer Geschmacksnuancen im internationalen Ausland ...

roter Spot blinkt, Tonsignal von Türgong

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.. Und die Äpfel wurden zunehmend leicht und elastisch, sie bouncten in dem nächtlichen Bildauschnitt zwischen Laterne, Erde und Nacht ...


Publikumserinnerungen

Das waren kurze Mittschnitte aus einem gescheiterten Konzept-Casting von heute vormittag. Ich dachte, dass es interessant sein könnte, mit einen Rückblick auf die Proben vor 5 Stunden zu beginnen, bevor ich mit dem Rückblick auf die letzten 5 Jahre fortfahre.

Der naheliegende Weg zu einem Rückblick ist die Analyse. Warum scheitern diese beiden Fest-Konzepte aus dem Casting heute vormittag bereits im Ansatz ?

Im ersten Versuch ist es vielleicht diese penetrante Mischung aus Anschlussfähigkeit und Grössenwahn, die den Blick lähmt und die an manchen Orten so beliebt ist. Im zweiten Versuch ist es vielleicht diese beliebte Taktik, gleichzeitig volkstümlich und elitär sein zu wollen. Diese beliebte Taktik, die den Rest lähmt und die an manchen Orten so beliebt ist.

Vielleicht ist diese Gier und Fresserei überhaupt eine Art Versuchsstadium. Deshalb interessiert mich in meinem Festvortrag die Frage, wie dieses Stadium der Versuche und der Ratlosigkeit durch einen geeigneten Rückblick verlassen werden könnte. Zum Beispiel ein Rückblick auf die letzten fünf Jahre. Welche Möglichkeiten gibt es für einen Rückblick zur Ueberwindung der Rat - und Ideenlosigkeit ? Für einen Rückblick auf weisses, feinkörniges Papier.

Als man mich heute nachmittag fragte, ob ich nicht zufällig Zeit hätte, diesen Festvortrag zu halten, da war der naheliegende Gedanke, eine kurze Zusammenstellung von Höhepunkten zu präsentieren. Höhepunkte aus Veranstaltungen der letzten fünf Jahre hier in der Gare du Nord. Da ich aber in den letzten Jahren keine Veranstaltungen besucht habe, beschloss ich einige Konzertbesucher nach ihren wichtigsten Eindrücken und Erinnerungen zu befragen. Ich sprach also mit insgesamt 5 Personen aus dem Publikum der Gare du Nord. Alle Gespräche fanden in der Bar du Nord statt.

Versuchen wir uns also vorzustellen, was erinnert werden konnte, in der Bar, von Ereignissen hier in diesem Raum, dem ehemaligen Buffet. Ich habe mir von diesen Gesprächen einige Notizen auf kleine Zettel gemacht, als Mittel gegen die Ratlosigkeit und gegen das Belieben, eine Art Post-it Analyse.

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Versuchen wir uns also vorzustellen, was erinnert werden konnte.


I. Garette

Als erstes sprach ich mit einer jungen Musikerin, die eine zerbrochene Klarinette bei sich hatte. Auf meine Frage, nach ihrer nachdrücklichsten Erinnerung in der Gare du Nord sprach sie von einem Solo-Gitarenkonzert

Ein japanischer Gitarist spielt in dem halbrunden Raum mit den 5 hohen Fenstern. Die schwarzen, schweren Vorhänge sind einen Spalt weit offen und orangenfarbiges Licht fällt in Strahlenbündeln auf die Bühne. Die Luft im Raum ist so klar, dass einzelne Staubfädchen beim Eintritt in die Strahlen schlagartig sichtbar werden. Staubattacken. Mein Blick kreist um den Spieler, wie eine Kamera, und obwohl ich mich erinnere, dass das Konzert ausverkauft war, sehe ich kein Publikum. Von der Strasse draussen dringt kein Geräusch in den Raum. Eine Vakuum-Raumstation mit Platz für zwei Insassen.
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Bevor ich das Gespräch beendete, fragte ich die junge Frau - ihr Name war übrigens Garette - warum die Klarinette neben ihr zerbrochen war. Sie sagte, sie käme von einem anderen Fest, einem Tonkünstlerfest, aus dem internationalen Zurich (engl.). Der Dirigent hatte eine Stück eigens für sie komponiert, es ihr auf den Leib geschrieben. Ein Stück, in dem sie die Klarinette zwischen die Beine stecken musste.

II. Der alte Mann

In meinem nächsten Gespräch über die nachhaltigsten Eindrücke in der Gare, sprach ich mit einem alten Mann, der alleine Billard spielt, in der Bar. Während wir versuchen uns vorstellen, was der alte Mann hörte, fährt Garette hier mit ihren Erinnerungen fort. Sie spinnt Erinnerungsfädchen im Zwielicht. Der alte Mann erzählt von einem Symposium.

Während einem Symposium für elektronische Musik in dem schönen halbrunden Raum mit den 5 hohen Fenstern, dachte ich an einen Obstgarten. Ich sass auf einer Tribüne nachts alleine in dem Garten, der von einer gelblich matten Strassenlampe beleuchtet wurde. Von Zeit zu Zeit fiel ein Apfel vom Baum. Ich fragte mich, wie diese Zeit zu Zeit beschaffen war, aber es war zu still, um wirklich nachzudenken. Ein fallender Apfel konnte den Boden zum Vibrieren bringen. Ganz selten fiel ein Apfel auf einen rostigen Gartentisch und erst dann auf den Boden. Der Grund in zweiter Instanz. Dann wurden die Äpfel zunehmend elastisch und leicht, sie bouncten in dem nächtlichen Bildauschnitt zwischen Laterne, Erde und Nacht. Ich sass auf einer Tribüne mit Blick auf ein Bild an dessen Innenkanten kleine, rote Äpfelbäckchen reflektiert wurden. Ich hatte Verfügung über die Schwerkraft und liess diese Bäckchen mal schneller, mal langsamer bouncen.
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Das Bouncen geht weiter und Garette spinnt Fädchen, und ich versuche einige Erinnerungen zu rekonstruieren, die ich mangels besserer Mittel einem Post-it anvertraut habe. Denn oft kommt die Analyse des Rückblicks nicht über das kleine Quadrat hinaus. Es ist das Postit mit dem Koch.


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Am liebsten sitzt Geist in den Winkeln zusammengestürzter Stuben ...


III. Der Koch

Der Koch lehnt hinter der Theke, erschöpft von einer Tangoveranstaltung. Er berichtet folgende nachhaltige Eindrücke von einem Konzert mit der international bekannten Gruppe Zeitkratzer.

Zwölf Männer ziehen an Klaviersaiten, die ihrerseits um die Saiten des grossen Flügels geschlungen sind. Jeder der Männer hat je ein Saitenende in jeder Hand und sägt an dem Ast. Ich meine an den Sehnen des Flügels. Ich denke an Ast, denn für meinen Garten habe ich eine flexible Baumsäge. Es ist ein gezackter Strang, den ich von unten um einen Ast schlingen kann , um ihn abzusägen. Die Hände ziehen abwechselnd. Es war wie in der Küche, wenn gemeinsam gekocht wird. Ein Konzert soll sein, wie zusammen kochen, nicht wie zusammen feiern.
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VI. Der Improvisator

Meine Erinnerungen an das nächste Gespräch sind etwas verschwommen. Das Postit ist unleserlich und die Analyse wird zur Synthese.

Ein scheint ein Gespräch mit einem Performer gewesen zu sein, oder war es ein Improvisator, ich kann mich nicht mehr erinnern. Es war scheinbar eine Performance geplant, in der verkündet werden sollte, dass der Papst überraschend gestorben sei. Anlässlich seines Todes sollten dann in der ganzen Stadt die Glocken läuten, es sollten alle 5 hohen Fenster geöffnet werden und orangefarbenes Licht würde in Bündeln auf die Bühne fallen. Der Papst würde tod sein. Im Namen der Kunst.

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Aber was gestattet der Rückblick ? Den Blick in die Zukunft ? Aus einem fahrenden Zug gesehen ist der Rückblick die Landschaft mit Horizont. Aber aus der fahrenden Arbeit gesehen, ist der Rückblick die Grenze des Postits.

V. Die Kinder

Um neue Ideen für meinen Vortrag zu bekommen, beschloss ich eine Gruppe Kinder nach ihren nachhaltigsten Erinnerungen in der Gare zu fragen. Die Gruppe hatte gerade an der Veranstaltung Gare des Enfants teilgenommen. Es war Sonntag und die Kinder erzählten, dass sie soeben ein wichtiges musikalisches Rätsel gelöst hätten. Sie sollten sich nämlich so aufstellen, dass jedes Instrument in besonderer Weise von vier anderen Instrumenten umgeben war. Zum Beispiel ein Postit umgeben von einem Glass, einer Gabel, einem Messer und einem Ball. Aber es sollten nie zwei gleiche Instrumente direkt nebeneinanderstehen, damit sich keine Klumpen bilden. Eines der Kinder wiess darauf hin, das vier Instrumente für diese Aufgabe genügt hätten.

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Während ich noch an dieses musikalische Rätsel dachte, tauchte der alte Mann aus dem Obstgarten plötzlich wieder auf. Er stellte sich mir vor als Steve Smale, der international renommierte amerikanische Mathematiker. Er erzählte, dass er früher in Mexiko lebte, mit einem Forschungsstipendium. Dort ging er jeden Tag an den Strand, um nach neuen Formen für seine Ideen zu suchen. Der Strand war weiss und feinkörnig, wie ein unbeschriebenes dreidimensionales Blatt.

Er hatte immer einige leere, quadratische Postits dabei, nur für den Fall, dass ... Dabei betrachtete er gar nicht so sehr die Wolken und das Wasser, sondern konzentrierte sich vor allem auf eines der Postits, welches auf dem Strand von Acapulco lag.

Wenn er genug Geduld hatte, dann entstanden auf rätselhafte Weise neuen Formen, (einmal wurde aus einem Quadrat ein Hufeisen). Dann ging er nach Hause, um einfach alles aufzuschreiben. So gelang ihm der Beweis, das jeder Klangraum mit mindestens fünf Tönen chromatisch gefärbt werden kann. Manchmal genügen auch vier. Seit dem sagt man: der Klangraum habe die chromatische Zahl 5.

Aber was gestattet der Rückblick ?

Aber ich sollte noch einen Ausblick geben, auf die nächsten fünf Jahre.

Ausblick

Ich kann mich leider nicht mehr an den Ausblick erinnern, aber ich stelle mir vor, dass dieser Raum hier so eine Art weisser, unbeschriebener Strand sein müsste. Die Leuten kämen mit kleinen Zetteln, mit oder ohne Kugelschreiber und es kämen auch Musiker und auch Musikerinnen. Die hohen Vorhänge wehen im Wind und die Leute kämmen, um Ideen zu stehlen und zu analysieren. Die meisten warten nur darauf, dass sich auf rätselhafte Weise neue Formen einstellen, wie ein Stäubchenschwarm am Himmel. Man konzentriert sich auf sein Postit und hört manchmal der Musik zu. Die Tribüne wurde abgebaut und steht jetzt nachts in einem Obstgarten, an ihrer Stelle liegt Flugsand. Man käme, um sich auf das weisse unbeschriebene Blatt zu legen, man würde chromatisch gebräunt in der abstrakten Landschaft und daheim müsste man es nur noch aufschreiben. Man bräuchte keine Fressereien mehr zu organisieren, keine kaputten Konzepte für Klarinette.

Man kommt mit Kugelschreiber und ohne Kuschelkunst, denn man liegt im Grübeln und fischt im Trüben. Man kommt mit Postit und ohne Backschischkonzepte, denn man ist daheim im Schreiben und dort genügt ein Stäublein. Man kommt mit oder ohne Kugelschreiber und draussen, auf der Strasse, hinter den Vorhängen, da dampft eine Festbude und klebriges Folkloregemetzel dümpelt in mondänen Süppchen. Und schliesslich stelle ich mir vor, wie Staub, Haare und Sand, die klebrigen Stellen auf der Rückseite der weissen Zettel bedecken.

Aber ich sollte noch einen Ausblick geben, auf die nächsten fünf Jahre, doch leider reicht die Zeit nicht mehr für den ganzen Ausblick, deswegen begnüge ich mich, mit dem was Nahe liegt:



Was am Strand von Acapulco auch noch war



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(Vom Meer aus gesehen) ...



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Mit: Harald Kimmig (Geige), Daniel Mouthon (Stimme), Christoph Schiller (Spinett),



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und Marianne Schuppe (Stimme, Tonband), Peter Vittali (Vortrag).