Als ich gestern morgen die Zeitung las, brachte ein Kurier diesen Brief von der Musikakademie Basel, Abteilung Forschung und Entwicklung. Man fragte mich, ob ich nicht zufaellig Zeit haette, heute abend einen Vortrag ueber Improvisation zu halten.
Doch bevor ich den Brief lesen konnte, stolperte ich bereits ueber folgendes Zitat:
Ich habe das Zitat zunaechst nicht verstanden. Das Universum wurde von uns entdeckt, nicht erfunden. Denn es war ja schon da, als wir es sahen. Es wurde entdeckt mit Instrumenten, die wir erfunden haben, nicht entdeckt. Aber sind wir sicher, dass die Improvisation entdeckt wurde. Oder wurde sie erfunden, wie die Instrumente.
Das Zitat macht mich ratlos und ich legte den Brief beiseite, um die Zeitung weiterzulesen. Dabei stiess ich auf folgenden Artikel :
"Die kalte Pracht des Enceladus"
Er handelt von einem Saturnmond, Enceladus, und der Raumsonde Cassini, die an diesem Tag in nur wenigen Kilometern Abstand an Enceladus vorbeiflog.
Im Suedpolargebiet von Enceladus kann man Eisfontaenen bewundern, Geysire aus Eispartikeln. Da jetzt auch in der Zeitung vom Universum die Rede war, dachte ich, dass der Brief von der Musikakademie vielleicht doch noch einen Sinn ergeben koennte. Ich fuhr also mit dem Brief fort und las folgendes:
Was ist ein Randphaenomen ? Und wie soll ich mir ein randstaendiges Phaenomen am Rande eines anderen, zweiten Randphaenomens vorstellen ?
Das einfachste Bild, das mir in den Sinn kam, war das zweier Kreise, die sich beruehren.

Ein Randphaenomen am Rande eines zweiten Randphaenomens
Denn ein Kreis ist ja auch eine Art Rand mit gleichbleibendem Abstand zum Zentrum. Aber dann bleibt die Frage, was der Kreis mit der Neuen Musik zu tun hat. Auf der Suche nach einer Antwort stiess ich dann auf die naechste Behauptung:
Um diese Behauptung zu ueberpruefen, fragte ich einen erfahrenen Chirugen, inwiefern die Improvisation fuer ihn unverzichtbar sei. Er schreibt mir:
Hier ist noch ein Postscriptum:
Das Wissen und das Unvorhersehbare bilden also ein Maschennetz. Und die Improvisation ist gewissermassen ein notwendiges Uebel, weil die Chirurgen nicht genug wissen. Um mir das besser vorstellen zu koennen, habe ich nach Beispielen fuer Maschennetze gesucht.

Das Wissen und das Unvorhersehbare bilden ein Maschennetz.
Man sieht die Raender des Wissens und die Loecher, in die die Chirurgen hineinimprovisieren. Das hier sind eher Laufmaschen, aber hier haben wir eine schoenen, klaren Rand.
Improvisation beruht auf Erfahrung, sagt der Chirurg. Aber Erfahrung ist das, was man meistens erst bekommt, nachdem man es gebraucht haette. Eine sehr unbefriedigende Situation. Also fragte ich den Chirurg, warum er denn nicht einfach seine Erfahrungen notieren wuerde. Wenn er und alle anderen Chirurgen alles aufschreiben wuerden, was sie improvisieren, dann muesste bald niemand mehr improvisieren.
Als Antwort erhielt ich diesmal nichts schrifliches, sondern einen merkwuerdigen Videoclip.

Das Raetsel
Zweifellos ein Raetsel. Aber da ich zufaellig direkt neben dem Kantonsspitals wohne, stelle ich mir einfach vor, wie der Chirurg mit seinem Hubschrauber auf dem Dach des Kantonsspitals landet. Es ist nachts und er betrachtet fuer einen Moment den Sternenhimmel. Was sieht er ?
Er sieht einen roten und einen blauen Kreis, die sich durch das Universum bewegen, vor seinem Blickfeld erscheinen und verschwinden. Mal der Blaue vor dem Roten, mal der Rote vor dem Blauen. Zwei Kreise, die sich in scheinbar unvorhersehbaren Bahnen und Folgen bewegen. Diesen Clip erhalte ich also als Antwort auf meine Frage, warum nicht notieren, statt improvisieren. Keinen Brief mehr, nur noch dieses Bilderraetsel.
Vielleicht sollte ich versuchen, das Raetsel zu notieren, sozusagen als Antwort auf meine eigene Frage ?
Wie koennte eine einfache Notation fuer dieses Rot-Blau Phaenomen aufgebaut sein.
Eine Moeglichkeit waere zu sagen:
(sol#) Rot erscheint ( re ) Blau erscheint ( sol # si-do ) Rot erscheint vor Blau ( re fa-mi ) Blau erscheint vor Rot
Ich wiederhole.
Das sind vier Elemente einer einfachen Sprache, die ich die Rot-Blau Sprache nennen koennte. Eine einfache Sprache mit zwei Woertern und zwei Regeln. (si-do ) kann nur nach (sol #) stehen und ( fa-mi) kann nur nach ( re ) stehen.
Das waere ein gueltiger Satz in RotBlau.
( sol# fa-mi) waere hingegen ein Fremdkoerper, denn (fa-mi) kann nur nach (re) aber nicht nach (sol#) stehen.
Jetzt kann ich das Raetsel notieren:
Wir haben Woerter, Regeln, Saetze, aber was bedeuten diese Saetze. Was meine ich, wenn ich sage ( sol#, si-do ). Was bedeutet “vorher” und “nachher” ? Stehen “vorher” und “nachher” fuer eine Ordnung der in unserem Raetsel ?
Um Ordnung im Universum zu entdecken, brauchen wir Instrumente. Ideal waere eine Raumsonde. Wir haben aber nur einen Hubschrauber. Also stellen wir uns vor, der Chirurg startet mit seinem Hubschrauber vom Dach des Kantonsspitals und begibt sich auf die Reise ins Universum des big bang. Er moechte die Bedeutung seiner Sprache Rot-Blau entdecken.
Ich schlage vor, wir begleiten den Chirurgen und nutzen die Zeit waehrend der Reise, in dem wir unsere Sprache ( Blick auf den Tisch, mit Socken ) auf moegliche Ungenauigkeiten hin zu untersuchen.
Ist es ein Kreis, ein Scheibe, eine Flaeche, eine Kreisscheibe oder aber Kreisflaeche oder doch ein Ring. Ist es ein roter Kreis , es ist weder einfach noch klar, auch zwei Kreise waeren denkbar. Ich habe nie gesagt, dass jeder Rand nach einem Kreis verlangt. Oder aber ich sage nicht vor nicht nach nicht wann und wo und auch nicht anderswo. Ich sage Scheibe und meine weder Rand noch Mitte.
Wir haben soeben einen gueltigen Satz aus der Sprache Rot-Blau empfangen.
Ich sage, dass keine Note nie einen richtigen Namen sah. Wenn ich Partikel vom Dach aus seh, wie sie bei den Sternen sind. Denn sage ich Mitte, oder Zentrum oder Kern oder aber ich halte mich fern und sehe anderswo. Und ich denke nicht dass little Partikel ganz ohne Mitte sind, sie sind es mitnichten. Der Kern meiner Sache ist die Schaerfe am Rand. Dann gewinnt der Rand. Sage ich Mitte oder Zentrum oder Kern. Und little Partikel sind nicht ganz in der Mitte, sie sind es nicht. Eine gewisse Kuehle schenkt ihnen Pracht.
Das war ebenfalls ein gueltiger Satz aus der Sprache Rot-Blau.

Wir haben soeben einen gueltigen Satz aus der Sprache Rot-Blau empfangen.
Nehmen wir die Masche, ist der Rand noch Teil der Masche, oder kann ich den Rand schon mit Loch sehen. Doch dann ist Loch wie Zentrum und dann ist ein Rand dran. Dann denke ich gleich Mitte mit Rand ist gleich Kreis. Oder aber, ich sage, das Loch ist die Mitte. Und meine somit das Zentrum doch denke ich nicht ich leg's auf die Seite. Denn denke ich Seite so frage ich mich weiter: Was war vorher dar. Kreis, Scheibe, Rand mit gleichmaessigem Abstand zum Zentrum, oder einfach nur Flaeche, auch die Flaeche hat ihre Pracht. Aber ich denke nicht die Rundheit, sei ganz ohne Pracht, denn ich sage nur mal Rund und meine Rand Kreis Scheibe. Ich errinnere mich, vor vielen Jahren war ein gewisser Hannes, mal fern, mal nah auf dem Dach zwei Koerper sah. Aber das wann und wo der Koerper ich meine nicht solche wie Scheibe das wann und wo der Koerper das sah man anderswo. Und drei sind nicht einfach einer mehr als zwei die ein gewisser Johann hier gleich um die Ecke ich erinnere mich. Die Masche von der ich sage ist die Masche mit Rand oder aber ohne Loch Ich sage, das Zentrum ist doch wie Mitte, somit bleibt ein Loch Doch auf die Maschen komme ich noch zu sprechen.
Das war ebenfalls ein gueltiger Satz aus der Sprache Rot-Blau.

Wir sind offenbar in die Naehe des Rot-Blau Phaenomens gekommen.
Wir sind offenbar in die Naehe des Rot-Blau Phaenomens gekommen.
Aber das ist Saturn. Da kann Enceladus nicht weit sein. Ich schlage vor, wir landen kurz auf Enceladus, um die Geysire aus Eispartikeln im Suedpolargebiet zu bewundern.
Wir sind auf Enceladus gelandet. Der Chrirug entsteigt seinem Helicopter und bewundert die kalte Pracht, die ihn umgibt. Dann richtet er seinen Blick auf Saturn, direkt ueber ihm.
Was sieht er ?

Enceladea und Encephalitis.
Er sieht mit Erstaunen zwei bisher unbekannte Saturnmonde. Die beiden Monde, die vom Spitaldach wie Kreise aussahen, umlaufen Saturn auf schoenen, regelmaessigen Bahnen. Jetzt versteht er ploetzlich die Bedeutung der Sprache Rot-Blau. Sie be-deutet die Bewegung zweier Koerper im big Universum. Voller Freunde ueber diese Ordnung, tauft unser Chirurg die beiden neuen Monde auf die Namen Enceladea und Encephalitis.
Aber seine Freude haelt nicht lang an.
Merken Sie etwas ?
Unsere Sprache Rot-Blau ist verstummt. Enceladea und Encephalitis schweigen. Warum ?
Weil die Worte “vorher” und “nachher” aus unserer Sprache in dieser Sicht auf das Universum keine Bedeutung finden. Beide sind immer da, keiner kommt vor oder nach dem anderen.
Sie erinnern sich: Wir haben die Reise angetreten, um unserer Sprache Rot-Blau eine Bedeutung zu geben, aber paradoxerweise wird sie genau dadurch sprachlos. Und das war unvorhergesehen.
Doch denken sie nicht, ich haette dieses Paradox einfach erfunden. Es war schon viele Male da, vor allem im Zusammenhang mit dem Big-Bang-Universum. Und da wir schon mal hier sind, werde ich jetzt zeigen, dass die Improvisation dabei eine grosse Rolle gespielt hat.
Ich habe diese Darstellung gewaehlt, um ein Dilemma sichtbar zu machen. Ein Dilemma, das nicht nur die Chirurgen unter ihnen betrifft.

Eine fruehe Improvisation von Kepler.
In der oberen Haelfte sehen sie eine fruehe Improvisation von Johannes Kepler, das “Mysterium cosmographicum”. Das kosmische Raetsel, entstanden 1595. Links sind die platonischen Koerper zu sehen, rechts davon das Modell eines Trinkbechers, mit dem Kepler den Aufbau des Universums aus diesen Koerpern darstellen wollte. Die platonischen Koerper haben gleiche Flaechen und wurden deswegen seit Platon als besonders schoen empfunden.
Unten steht ein Verhaeltnis aus Keplers Werk “Harmonices Mundi”, Weltharmonie, 1618. Es ist eine Beziehung zwischen Umlaufdauer und Umlaufbahn eines Planeten um die Sonne.
Warum bezeichne ich das “Mysterium cosmosgraphicum” als eine Improvisation ?
Im Sinnes unseres Chirurgen hat Kepler von den Maschen des damaligen Wissens in die Loecher hineinimprovisiert. Das Unvorhersehbare, das waren damals, die Planetenbahnen. Das damalige Wissen ueber das Universum stammte von den Griechen und war etwa 2000 Jahre alt. Es unterlag der Vorstellung, dass sich kosmische Probleme am besten in der Sprache der Geometrie verschriftlichen lassen. Geometrie, griech. Erdmass, Landvermessung, fundiert auf einer bildlichen Notation. Auf Piktogrammen. Aber alles was Kepler mit diesen Piktogrammen ueber das Universum notierte, widersprach seinen Beobachtungen auf dem Dach am Sternenhimmel. Er tastete im Dunkeln.

Er tastete im Dunkeln.
Ueber 20 Jahre improvisierte er in den Loechern, bis er eine neue Sprache entdeckte. Entdeckte, nicht erfand. Er wechselte von der alten Sprache der Griechen zu einer neuen Sprache der Araber. Da die Araber weniger von Bildern hielten, als die Griechen, hatten sie eine symbolische Sprache entwickelt. Das Verhaeltnis unten ist ein gueltiger Satz in einer symbolische Sprache. Symbolisch bedeutet, dass die Buchstaben T und R nicht fuer Buchstaben aus dem Alphabet stehen, sondern fuer Planetenjahre und Entfernungen. Diese Sprache ist besser geeignet, um Verhaeltnisse auszudruecken, die man nicht zeichnen kann. Kepler improvisierte, bis er die Sprache wechselte. Dann notierte er.
Es dreht sich mir nicht darum, die beiden Arbeiten Keplers zu bewerten. Ich sage nicht, dass die Formel unten wertvoller ist, als der Trinkbechers, weil sie heute noch benutzt werden kann. Ich moechte Unterschiede und Wechselbeziehungen in der Haltung sichtbar machen.
Sie erinnern sich an unsere Sprache Rot-Blau ( sol# si-do) Tue erst das, dann das. Wie tue ich es. Erst das, dann dass, wie muss ich handeln, erst das dann das. Das ist die Wie-Haltung. Der kosmische Trinkbecher von Kepler stammt aus dieser Wie-Haltung ? Wie baue ich das Universum nach. Wie folge ich einem Prozess ( sol re ) ?
Was waere eine andere Haltung ?

Was waere eine andere Haltung ?
Sie hoeren den Klang der Saiten, obwohl ich nicht handle. Die Saiten beginnen zu klingen, weil es eine Beziehung gibt, zwischen diesen beiden Objekten. Eine Beziehung, die schon da war, als wir sie entdeckt haben. Was bedeutet der Klang ? Der Klang bedeutet, es gibt gemeinsame Eigenschaften zwischen dem Einen und dem Anderen. Das ist die Was-Haltung.
Das Verhaltnis in der Weltharmonie stammt aus dieser Was-Haltung. Nicht Wie-Baue-ich-das-Universum, sondern Was gehoert dort zusammen. Kepler notiert: Zeit und Raum stehen in Bezug.
Nach diesem Little Bang von Johannes, hat das Interesse an der Weltraum-Impro zunaechst stark nachgelassen. Man hatte neues Wissen in das Maschennetz eingeschrieben, in einer zeitgenoessischen Sprache und es herrschte erst einmal Ordnung im Universum. Kepler hat das Maschennetz vom Universum erweitert.

Neues Wissen wird in das Maschennetz eingeschrieben.
Dieser beruhigende Zustand von Ordnung aenderte sich erst wieder an einem schoenen Sommertag, im August 1886, als ein gewisser Henri Poincare von seinem Schreibtisch in der Sorbonne in Paris aufsprang. Fast 300 Jahre nach Kepler. Er improvisierte damals mit Zeichnungen wie diesen.

Hieroglyphen Notation.
Auch er improvisierte, ohne das gewusst zu haben. Er wollte Platz schaffen, fuer den dritten Koerper im Universum. Es hat sich naemlich leider gezeigt, dass auch Keplers Maschen Loecher haben. Ein dritter Planet stoert die Bewegungen der beiden anderen derartig, dass Keplers Sprache verstummt. Poincare improvisierte diesmal mit einem ganzen Spracharsenal, darunter einer Art Hieroglyphen-Notation, einer Maschensprache. Interessanterweise, nicht mehr mit Symbolen, sondern wieder Piktogrammen. Aber diese hier haben nichts mehr mit Landvermessung zu tun.
Damit improvisierte Poincare, bis er dann eines schoenen Tages von seinem Stuhl aufsprang - sicher mit einem little bang - und das entdeckte, was wir heute Chaostheorie nennen. Das Universum ist chaotisch. Zum einem ist das beruhigend, denn das bedeutet, dass wir das Chaos nur entdeckt und nicht erfunden haben.
Nachdem das Chaos vorhersebbar geworden ist, konnte man es sogar sichtbar machen, wie hier in diesem Fraktal.
Piktogramme, Symbole, Hieroglyphen, Maschenschrift, wieder Piktogramme: Ist es nicht faszinierend, wie die Wahl der Verschriftlichung darueber entscheidet, welche Eigenschaften eines Phaenomens entdeckt werden. Heute nachmittag an der Musikakademie habe ich gelernt, dass Musiker bei improvisierenden Handlungen mit photographischen und malerischen Notationen arbeiten.. Das Maschennetz waechst mit der Sprache. Was kommt da wohl in der Chirurgie und in der Musik noch auf uns zu.
Aber leider gibt es wieder ein Problem. Diesmal ein echtes Dilemma. Und nicht nur fuer die Chirurgen unter ihnen.
Merken Sie etwas ?
Kepler hat 20 Jahre improvisiert, bis er sein Lebenswerk notierte. Dabei verwendete er Beobachtungen, fuer die sein Vorgaenger 20 Jahre brauchte. Macht 40 Jahre. Der Schritt vom zweiten Planeten zum dritten dauerte fast 300 Jahre. Eine der Vermutungen ueber Poincares Maschenschrift stand jahrelang auf der beruehmten Liste der Jahrtausendprobleme.
40 Jahre, 300 Jahre, 1000 Jahre. Das Dilemma ist, das die Entwicklung von Sprache zu viel Zeit braucht. Und deswegen improvisieren wir meistens, ob wir es wollen oder nicht.

Die Entwicklung von Sprache braucht zuviel Zeit !
Ja, ich weiss, das klingt banal, aber das ist genau das Problem, es ist so banal, dass man es staendig vergisst.
Der Wunsch der Verschriftlichung bringt uns mit dem Tod in Beruehrung. Deswegen meint man, Improvisation sei etwas Lebendiges. Gewiss, ohne Improvisation waeren wir alle schon tot. In dieser Einsicht liegt der Ursprung der Improvisation: in der stillschweigenden Einsicht, dass die Erfindung einer Sprache, selbst fuer ein unscheinbares Randphaenomen, nur selten zu Lebzeiten gelingt.
Auch in diesem Vortrag ist wegen der vielen Notizen die Zeit knapp geworden und wir werden die kalte Pracht auf Enceladus verlassen. Doch zum Abschied moechte ich, in memoriam an Johannes Kepler, noch ein Verhaltnis spuerbar machen. Das Verhaeltnis von unserer mittleren Lebenszeit zu der Zeit, die seit den Griechen improvisiert worden ist, um das Chaos im Universum vorhersehbar zu machen. Also sagen wir 80 zu 2500. Ich verwende als Material diese kleinen weissen Kreisscheiben. In dieser Tuete befinden sich etwa 2500, die 80 werde ich aus dieser Dose abzaehlen.
Nachdem wir nun ernuechtert auf den Planet Erde zurueckgekehrt sind, wird mir klar, warum der Chirug auf meine Frage mit einem Bilderraetsel geantwortet hat. Eine schriftliche Antwort haette er wahrscheinlich gar nicht ueberlebt.
Das bedeutet leider, dass ich den Brief der Akademie wohl nie verstehen werde. Und hier unten ist auch noch eine Frage, eine Bitte um Verschriftlichung, diesmal an mich gerichtet.
“Was genau ist eine improvisatorische Handlung” ?
Da der Vortrag schon zu Ende ist, bleibt nur noch Zeit fuer eine improvisierte Antwort.
Sehr verehrte Akademie
Auf ihre Bitte nach Verschriftlichung : “was ist improvisatorisches Handeln”? antworte ich vorlaeufig:
Eine Handlung ist improvisatorisch, wenn wir handeln, waehrend wir auf die schriftliche Antwort warten.
A bientot et A l'improviste.
Ihr Peter Vittali

Eine Handlung ist improvisatorisch, wenn wir handeln, waehrend wir auf die schriftliche Antwort warten.
P.S. Wie waere ein Symposium ueber das Verhaeltnis von Improvisation und Notation.
Auf die Sprache !