Vor einigen Monaten habe ich diese schoene Videoedition gekauft. Sie enthaelt Gespraeche mit Pionierinnen der Performancekunst. Vor einigen Tagen hat mich Andrea angerufen und mich gefragt, ob ich fuer eine der Pionierinnen heute abend einspringen koennte, die kurzfristig abgesagt hat. Ich beschloss, meine Erinnerungen an die Gespraeche aufzufrischen. Zum Beispiel dachte ich an folgendes Fragment aus dem Gespraech mit Martha Rossler.
Martha Rossler behauptet, dass sie - also wir - die Welt in den 60er Jahren erheblich veraenderten. Seit dem haben die anderen aber alles versucht, um wieder zurueckzuschalten. Und im Moment saehe es so aus, als ob sie, also die anderen, gewonnen haetten.
Change. Wechsel. Was bedeutet das. Nehmen wir an, ich wuensche mir einen Wechsel und moechte deshalb etwas aendern. Ist das ueberhaupt moeglich ? Ich habe mich naehmlich gefragt, warum so viele Menschen gegen den Irakkrieg protestiert haben, ohne den Krieg zu verhindern. Warum haben diese Demonstrationen nichts geaendert ?
Nehmen wir an, ich moechte etwas aendern. Wie mache ich das ?
Um eine Antwort auf diese Frage zu bekommen, beschloss ich einen Aenderunges-Versuch durchzufuehren. Ich wollte eine Beschwerde schreiben, um etwas zu aendern. Vor einigen Monaten fand ich naemlich in einer Basler Tram einen Zeitungsartikel. Der Artikel handelte von einer Werbekampagne, die ganze Trams mit Bildern und Texten im comic-Stil bedeckt hat. Die Szenen zeigten halbnackte Frauen als Fussballmaskottchen, die mittels Sprechblasen die Maenner zu Sex auffordern. In dem Artikel stand, dass die Werbung in Zurich verboten wurde, weil sie als unsittlich empfunden wurde.
Ich dachte, dass das eine ausgezeichnete Fallstudie fuer einen Aenderungsversuch sein koennte und schrieb folgende Beschwerde an die Basler Stadtverwaltung.
Am naechsten Tag hatte ich bereits die Antwort.

Ich beschwere mich nicht wegen Unsittlichkeit, sondern wegen ruecksichtloser Rueckstaendigkeit.
Was habe ich mit diesem kleinen Versuch bisher gelernt ?
Erstens, man sagt mir, dass ich alleine nichts aendern kann, es braucht eine zweite Person.
Zweitens, mein Wunsch etwas zu aendern, weil ich es fuer rueckstaendig halte, wird als ein Kunstprojekt klassifiziert.
Aber sind sie - die anderen - wirklich so rueckstaendig. Ich frage mich, ob sie wirklich so rueckstaendig sind ?
Ich erinnere mich naehmlich an ein anderes Fragment, das ich vor einigen Jahren auf youtoube.com gehoert habe.
Das ist die Ankuendigung vom Begin des Irakkrieges. Es ist die Rede vom ersten "preemptive war", vom ersten "praeventiven Krieg" in Americas Geschichte. Aber jemand der praeventiv ist, kann nicht rueckstaendig sein. Vielleicht sind es wir, die rueckstaendig sind, weil wir sie nicht daran gehindert haben, praeventiv zu sein.
Aber wie ist es ihnen gelungen, praeventiv zu sein ?
Dazu kommt mir noch ein anderes Fragment in den Sinn, das ich vor einigen Jahren auf youtube.com gehoert habe:
Ein Ausschnitt aus der Rede, die Colin Powell, damals US Aussenminister, vor den United Nations gab. Er begruendet die Notwendigkeit fuer den Irakkrieg mit einem Geheimdienstpapier der CIA, in dem von Augenzeugenberichten ueber biologischen Waffen die Rede ist. Ich wollte mehr ueber dieses Papier wissen und habe auf wikipedia.com folgende Informationen gefunden.
Im Februar 2003, erschien ein Dokument zur Sicherheitslage auf der downing street website unter der Regierung Tony Blair. Es sollte begruenden, warum die Waffeninspektionen im Irak gescheitert waren und deshalb ein Krieg gerechtfertigt ist. Dieses Dokument kam einem Fakultaetsmitglied der Cambridge University bekannt vor. Glen Rangwala hatte eine ganz aehnliches Dokument vor kurzen in der Bibliothek gesehen. Er entdeckte , dass der groesste Teil des Dokuments auf der downing street webseite von einem Artikel kopiert worden ist , der bereits im September 2002 erschienen war. Verfasst von einem amerikanischen Studenten namens Ibrahin-al Marashi. Anhand von grammatischen Fehlern, wurde schnell klar, das die Regierung Blair ganze Textausschnitte woertlich uebernommen hatte. Einige Begriffe wurden ersetzt, z.B. das Wort "opposition" durch das Wort "terrorist" und das Wort "beobachten" durch das Wort "spionieren". Der urspruengliche Autor wurde an keiner Stelle erwaehnt. Das Bekanntwerden eines solch plumpen Plagiats erweckte die Neugier von Richard M. Smith aus den Vereinigten Staaten. Er sah, dass das Dokument auf der Downing Street Webseite ein Microsoft-Word Dokument war. Diese Dokumente enthalten eine versteckte Aenderungshistorie, aus der ersichtlich ist, wer das Dokument wann bearbeitet hat. Smith hat die Geschichte des Dokuments extrahiert:

Die extrahierte Aenderungshistorie des Dokuments zur Sicherheitslage im Irak.
cic22 is eine britische Regierungsbehoerde, das Communications Information Centre. Alison Blackshaw war persoenlicher Presse-Assistent von Blair und Murtaza Kahn war Praktikant in Blairs Presseabteilung. Das Dokument zur Sicherheitslage im Irak war also die manipuluierte Kopie einer Studentenarbeit. Manipuliert nicht durch den Geheimdienst, sondern durch Blairs Presseabteilung.
Gut, werden sie mir sicher antworten, huebsche Geschichte, aber was nun ?
Nun, die Geschichte hat noch gar nicht begonnen. Der Beginn der Geschichte, der praeventiven Geschichte, sind diese beide Zeichen A:. Auf Microsoft Windows Computern ist A: der Pfad des Diskettenlaufwerks. Das Dokument wurde also offentsichtlich an eine andere Person weitergegeben. Dank der Anhoerungen im britischen Unterhaus, welche die Geschichte dieses Dokuments nach sich zogen, wissen wir, wer diese Person war. Richtig, es war niemand anders als Colin Powell, der dieses Dokument fuer seine Rede vor den United Nations genutzt hat, an die ich mich gerade erinnert habe. Die Geheimdienst-Beweise aus erster Hand, von denen Powell sprach, waren gewissermassen der gefaelschte Diebstahl einer Studentenarbeit aus dem Vorjahr.
Gut, werden sie mir jetzt sicher antworten, sie haben uns betrogen, aber warum haben unsere Demonstrationen sie nicht daran gehindert.
Jetzt haben sie vielleicht den Faden verloren, aber sehen sie, dort die rote Waescheleine, das war der rote Faden durch den Vortrag. Martha Rossler hat behauptet: Kunst kann die Welt veraendern. Ich untersuche, ob das heute immer noch moeglich ist. Das ist eigentlich die ganze Idee hinter dem Vortrag. Um diese Idee besser zu verstehen, fuehre ich einen Aenderungsversuch durch. Ich schreibe einen Beschwerdebrief wegen sexistischer Tramwerbung. Meine Beschwerde war konstruktiv: ich habe der Basler Stadtverwaltung vorgeschlagen, eine Tram fuer einen Tag mit Arbeiten von Kuenstlerinnen zu bedecken, anstatt mit diskriminierender Werbung. Eine Tram fuer einen Tag gratis fuer alle. Die Stadtverwaltung hat den Vorschlag abgelehnt, weil die Zweite Person gefehlt hat.
Nehmen wir an, der Vorschlag waere akzeptiert worden und die Tram waere jetzt startbereit. Ich trete jetzt eine Gratisfahrt an, von Basel nach Zurich, wo die Werbung aus Gruenden der Sittlichkeit, nicht der Rueckstaendigkeit, verboten wurde. Ich steige also in die Tram. Nehmen wir an, es ist eine regnerische Nacht.

Ich reise am Liebsten in der Nacht.
Aber jetzt kommt meine Tram am Hauptbahnhof an und ich verstehe sofort, warum niemand Tram faehrt , obwohl es gratis ist.
Jetzt verstehe ich warum keine Zweite Person in der Tram ist. Es ist Wahlnacht.
Es ist Wahlnacht und alle Leute verfolgen die Wahl auf riesigen Leinwaenden ueberall in der kleinen Stadt. Niemand schaut auf meine Tram und es ist auch keine zweite Person in der Tram.
Deswegen fahre ich jetzt weiter nach Zurich.
Ueberall im Land nehmen die Leute an den Wahlen teil.
Die Fahrt geht durch viele Tunnels.
Und auf einmal, in der Mitte eines Tunnels wird mir klar , was Martha meinte, wenn sie sagte: sie haben gewonnen und wieder zurueckgeschaltet.
Sie gewinnen mit den Wahlen. Und dann kommt der Wechsel. Und der Wechsel spuelt unseren Protest aufs offene Meer.
Der Wechsel kommt, aber das ist nur Gezeitenwechsel, es ist nur Ebbe und Flut. Die Flut kommt und spuelt unseren Protest ganz einfach weg.
Wahltag ist Waschtag.
Wahltag ist der Tag, an dem sie die Geschichte ihrer Dokumente waschen. Sie waschen ihre Historetten.
Alles was wir getan haben, um die Welt zu aendern, landet in der Waschkueche. Nach den Wahlen fangen wir wieder von vorne an.
Die Wahlen sind deren System, um uns die Geschichte scheibchenweise zu servieren. Eine Wahltorte.
Die Wahl ist eine Ausloeschung. Die Wahl loescht unser Logbuch.
Jedes Mal wenn sie waehlen, verlieren wir, denn sie behaupten die Welt massgeblich zu aendern und zwar alle 4 Jahre, also viel schneller als wir.
Sie loeschen unsere Aenderungen, denn sie aendern als Erste. Und dann schalten sie zurueck und die Leute weinen vor Freude.
Sie schalten alle paar Jahre zurueck, weil sie einfach behaupten, dass die letzten paar Jahre, per Definition, nur noch Geschichte sind.
Und so verschwinden Sie.
Amnestie, Amnesie
Nachdem ich das begriffen habe, drehte ich um und fuhr zurueck nach Basel. Es regnete immer noch. Es war immer noch keine Zweite Person in der Tram und es war auch niemand draussen, um meine Tram anzuschauen. Also brachte ich die Tram zurueck und ging nach Hause. Mein Aenderungsversuch war leider gescheitert.
Gut, werden sie mich sicher fragen, koennen wir dann ueberhaupt etwas aendern ?
Es ist ganz einfach. Wir koennen nichts aendern, solange es Wahlen gibt. Denn das ist der Moment, in dem sie verschwinden.
Gut, wir koennen versuchen, die Wahlen abzuschaffen, um sie am Verschwinden zu hindern. Aber dann kommt sofort jemand, der behauptet, es braeuchte dafuer eine Zweite Person. Oder ein Kunstprojekt.
Oder wir verhindern das Verschwinden ganz einfach, indem wir einige Fragmente erinnern. Wenn ich zum Beispiel das Wort "Wechsel" "change" hoere, dann erinnere ich mich, dass deren Verschwinden wieder unmittelbar bevorsteht.
Und auch mein Verschwinden steht jetzt unmittelbar bevor.