Das Barockorchester Capriccio arbeitet seit einigen Jahren mit Künstlern aus unterschiedlichen Disziplinen (Tanz, bildende Kunst) zusammen. Ein Lichtkonzept soll das Programm Teuflische Fantasien auf der visuellen und räumlichen Ebene begleiten.
Das Programm wird in der Peterskirche in Basel und in der Kirche St.Peter Zürich aufgeführt. Beide Räume bieten Platz für ca. 230 Besucher.
Welche Bilder könnten teuflische Fantasien im Zusammenhang mit Barockmusik evozieren und wie liessen sich diese Bilder in den beiden grossen Kirchenräumen realisieren ?
Francesco Geminiani La Folia Henry Purcell Fantasien Jan Dismas Zelenka Hipocondria Luigi Boccherini Sinfonia "La casa del Diavolo" d-Moll op.12/4
Eine Fantasie ist umso wirkungsvoller, je stärker sie in einer vertrauten Realität wurzelt. In der Cattedrale di S. Maria Assunta auf der Isola di Torcello in Venedig befinden sich Mosaike mit einer Darstellung des Jüngsten Gerichts. Der Ort des Teufels, die Hölle, ist von Köpfen ausgefüllt. Zum Teil sind es Totenschädel aus deren Augenhöhlen Schlangen kriechen, zum Teil sind es Köpfe von noch lebenden Figuren, die im Feuer schmoren. Aber diese Darstellungen sind in ordentlichen, kontrolliert-rechteckigen Rahmen angeordnet und verweisen auf reale Bilder und Erfahrungen. Es sind keine Bilder der Fantasie. Die Darstellung des Teufels verändert sich im Laufe der Jahrhunderte und für dieses Projekt sind vor allem folgende Varianten interessant:
Goethe führt dem Teufel zunächst als ein höchst reales und vertrautes Wesen ein. Der Pudel ist geradezu das Symbol für das bürgerliche, vertrauenswerte Heim, für eine Umgebung, in der man den Teufel nicht vermutet. Unheimlich wird der Pudel dadurch, dass er alleine auf freiem Feld im enger werdende Kreise zieht. Aber auf einem freien Feld rennt kein Pudel und schon gar nicht alleine. Der Pudel lebt vor allem zuhause in Begleitung harmloser Menschen. Während Goethe den Teufel schliesslich in der Figur des Mephisto sichtbar macht, verzichtet Polanski 200 Jahre später auf ein reales Bild für den Teufel. Er bringt den Teufel mit dem Neugeborenem in Verbindung, also dem reell reinen Menschen und überlässt es dem Zuschauer, sich den Teufel selbst auszumalen.
Die Alien Trilogie von Ripley stellt in dieser Hinsicht einen Rückschritt dar: das Böse wird als widerliches, schleimiges Etwas gezeigt, welches aber wieder reale Vorbilder hat (Krake, Tintenfisch, Spinne).
Die Horror-Fantasie ensteht durch die Behauptung, dass selbst der reinste und liebenswerteste Mensch schon unmittelbar nach der Geburt etwas unbeschreiblich Böses beherbergt.
Um das Teuflische sichtbar zu machen, ist es für die Fantasiebildung am wirksamsten, wenn darauf verzichtet wird, ein Bild des Teufels zu zeigen. Etwas Unheimliches soll mit dem Heimlichen - im Sinne des vertrauten Heimes - in Verbindung gebracht werden, um so an ein traditionnelles, jedenfalls in der westlichen Kultur stark verbreitetes Idiom vom "verhüllten Bösen" anzuknüpfen. Beispiele sind "... das ist des Pudels Kern" oder "Der Wolf im Schafspelz".
Ein vertrautes Licht im Kirchenraum ist die Kerze. Wir verwenden also die Kerze als Lichtquelle und fügen ihr etwas hinzu, was verhüllt ist. Das bedeuetet in diesem Rahmen, etwas, das für das Publikum nicht sichtbar ist. Wir verstärken das Licht der Kerzen und vorallem das Flackern der Kerzen, welches besonders auffällig ist.
Zum Beispiel in dem Film Les rivières poupres von Luc Besson unmittelbar bevor der Zöllner im Flughafen von einer schwarz verhüllten Gestalt ermordet wird
Ein beliebter Horror-Topos ist ja die Kerze in einem Raum, die plötzlich beginnt heftig zu flackern. Das bedeutet, dass jemand Böses ein Fenster oder eine Tür geöffnet hat.
Es werden also gut sichtbar Kerzen aufgestellt, hinter denen, für das Publikum nicht sichtbar, kleine Hochleistungsleuchtdioden angebracht sind. Die Leuchtdioden werden von einer elektronischen Schaltung (Mikrocontroler) gesteuert. Die Schaltung und die entsprechende Software wird speziell für dieses Konzept entwickelt. Es ist wichtig, dass keine technischen Geräte sichtbar sind (Laptops, Lampenständer, Licht-Mischpult), denn das würde die Fantasiebildung stark beeinträchtigen. Deswegen sind kommerziell verfügbare Geräte für dieses Projek ungeeignet. Die Leuchtdioden und die Elektronik werden mit Akkus betrieben. Mittels der Software kann unter anderem das scheinbare Flackern der Kerzen erzeugt werden.
Die Realisierung des Konzepts in der Peterskirche in Basel ist in Bild 1 und Bild 2 zu sehen.
Die Kerzen befinden sich auf der vordersten Sitzreihe. Dahinter befindet sich Metallfolie, die das Kerzenlicht zur Bühne hin lenkt.
Früher wurden in Kirchen übrigens auch metallische Reflektoren verwendet, um dem Kerzenlicht eine Richtung zu geben.
In der Kirche St.Peter war die Anordnung ähnlich. Die Kerzen und die Lichttechnik, bestehend aus Leuchtdioden, Elektronik und Akkus, befinden sich auf der vordersten Sitzreihe und sind von hinten nicht zu sehen. Hinter den Kerzen ist zusätzlich Metallfolie aufgestellt, um die Behauptung zu verstärken, dass das Licht auf der Bühne und an den Wänden wirklich nur von den Kerzen ausgeht. Die Kerzen wurden von mir unmittelbar vor Beginn der Aufführung demonstrativ, für das Publikum gut sichtbar, angezündet. Gleichtzeitig begannen die Mikrokontroller die Helligkeit der Leuchtdioden zu steuern.
Die Hochleistungsleuchtdioden und die Mikrocontroler sind für das Publikum nicht sichtbar.
Mit dieser Anordnung wurde das musikalische Programm folgendermassen begleitet:
| Komponist | Werk | Lichtcharakter |
|---|---|---|
| F.Geminiani | La Folia | schwaches Gelb, leichtes Flackern |
| H.Purcell | Fantasien | Flackern noch stärker, Blau/Grün |
| J.D.Zelenka | Hipocondria | Überblendungen mit Rot/Gelb/Grün/Blau/Weiss |
| L.Boccherini | Sinfonia La casa del Diavolo | Flackern wieder schwächer, Ende mit rotem Licht |
Mit einem für dieses Projekt entwickeltem Simulationsprogramm konnten verschiedene Abläufe simuliert werden. Die Graphik in Bild 3 zeigt 4 Helligkeitskurven, die von einem einzelnen Mikrokontroler erzeugt werden können. Insgesammt standen 5 Kontroler mit je 4 Leuchtdioden zur Verfügung.
Simulation des Lichtverlaufs für 4 Leuchtdioden.
Im Zusammenhang mit Musikprojekten, welche andere Disziplinen miteinbeziehen (z.B. Tanz, Video, Architektur) wird immer wieder die Frage gestellt:
Wozu braucht die Musik noch etwas anderes ? Ist sie als Musik nicht gut genug ?
Für unser Projekt könnte diese Frage dann lauten: wozu braucht Barockmusik ein spezielles Licht ?
Mann könnte ebenso die Frage stellen: Wozu braucht der Stummfilm den Ton ? Oder der Schwarzweiss-Film die Farbe ?
Unsere Fragestellung in diesem Projekt war sehr viel fokusierter und vielleicht auch bescheidener. Wir sind von der Programmankündigung ausgegangen: Teuflische Fantasien sollen mit den oben genannten Werken in den Köpfen der Zuhörer und Zuschauer entstehen. Um welche Fantasien handelt es sich in diesen Kontext, wie entstehen sie und was ist ihr teuflischer Inhalt ? Unsere Vorbilder waren vor allem literarischer und filmischer Natur und rückblickend scheint es uns hilfreich zu sein, zunnächst an einem Bildkonzept und nicht an einem Lichtkonzept zu arbeiten. Das Licht ist letzlich nur Mittel zum Zweck, um das Bild zu schaffen. Wie in der Malerei.
Was die technische Umsetzung betrifft, so hat sich gezeigt, dass die verwendeten
1 Watt-Hochleistungsleuchtdioden in einem grossen Kirchenraum mit 200-250 Zuschauern, an die Grenze ihrer Möglichkeiten geraten.
Die neuerdings verfügbaren 3 Watt bzw. 5 Watt Typen heben diese Grenze aber für künftige
Projekte auf.
Das Bild rechts zeigt die Wirkung einer einzelnen 3 Watt Leuchtdiode mit
blauen Licht.
Die Reaktionen der Musiker und des Publikums haben gezeigt, dass das ursprüngliche Konzept Schein des Kerzenscheins nicht immer erkannt wurde, oder in den Hintergrund getreten ist. Um den Effekt des Flackerns deutlich sichtbar zu machen, wären wahrscheinlich noch mehr der zur Zeit leistungsfähigsten Leuchtdioden nötig gewesen. Interessant ist aber, dass sich an Stelle des intendierten Textes (also des "Fakes"), eine andere Wahrnehmung beim Publikum herausgebildet hat. Da das Lichtkonzept auf dem Programm und auch auf den Plakaten sehr deutlich angekündigt war, hat das Publikum bestimmte Erwartungen entwickelt. Ich habe mehrfach gehört:
Der begriffliche (sprachliche) "Eingriff" auf dem Programm spielt vielleicht für die musikalischeWahrnehmung eine erhebliche Rolle und es ist sehr interessant, zu überlegen, was im Vorfeld offengelegt wird, was verdeckt wird und vor allem: was behauptet wird.
Um auf die Frage zurückzukommen:
Wozu braucht die Musik noch etwas anderes ? Ist sie als Musik nicht gut genug ?
So lautet die vorläufige Antwort:
Die Frage könnte auch lauten: Was kann die Musik zusätzlich zu dem, was wir glauben über ihre Fähigkeiten zu wissen ? Was erzählt die Musik noch - ohne an Erzählung zu denken - und verwendet sie dazu auch andere Mittel ausser denjenigen, die wir glauben zu kennen ?
Teuflische Fantasien in der Kirche St.Peter am 15.Oktober 2006